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Siang Mien oder Mian Xiang? Der Unterschied, der eigentlich keiner ist – und warum er trotzdem wichtig ist

Aktualisiert: 16. Dez. 2025

Wenn du im deutschsprachigen Raum nach „chinesischem Gesichtlesen“ suchst, stolperst du fast immer über den Begriff Siang Mien. Viele benutzen ihn ganz selbstverständlich, als wäre es der „offizielle“ chinesische Name. Und genau hier beginnt die Verwirrung.

Siang Mien
Siang Mien

Denn in China selbst sagt kaum jemand „Siang Mien“. Es gibt nicheinmal eine offizielle chinesische Pinyin-Schreibweise für „Siang Mien“, weil es keine saubere chinesische Bezeichnung, sondern eine westliche Umschrift ist, die sich über Jahre eingebrannt hat. Die klassische Kunst heißt im Chinesischen Miàn Xiàng (面相). Und wenn man das einmal sauber sortiert, wird plötzlich vieles klarer. Nicht nur sprachlich, sondern auch in der ganzen Einordnung.




Inhalte im Überblick



1. Was bedeutet Mian Xiang überhaupt?


Mian Xiang (面相) lässt sich grob übersetzen als „Gesicht lesen“ oder „Gesichtsbedeutung“. Wörtlich steckt darin:


  • 面 (miàn): Gesicht, Oberfläche

  • 相 (xiàng): Erscheinungsbild, Physiognomie, „das, was sichtbar wird“


Mian Xiang ist also die traditionelle chinesische Lehre, die davon ausgeht, dass sich im Gesicht Hinweise zeigen können auf:


  • die Persönlichkeit und Grundtemperament eines Menschen

  • die Lebensphasen und biografische Themen

  • oft auch Gesundheitstendenzen (je nach Schule und Strömung)

  • und in vielen klassischen Systemen sogar „Luck“, also Schicksals- und Zeitqualitäten


Wichtig zu verstehen ist: Es ist ein metaphysisches Deutungs-System, historisch verwoben mit taoistischem Denken, Yin und Yang, den Fünf Elementen, und in vielen Linien auch mit klassischer chinesischer Medizin. Es ist ein traditionelles Weltbild, das mit Symbolik, Erfahrung, Beobachtung und Überlieferung arbeitet.


2. Woher kommt dann „Siang Mien“?


„Siang Mien“ ist im Kern eine romanisierte Schreibweise, also eine Art westliche Lautschrift, die irgendwann entstanden ist, als Menschen versuchten, chinesische Begriffe „hörbar“ ins Lateinische Alphabet zu übertragen.


Das Problem: Diese Umschrift ist nicht standardisiert und sie ist auch nicht wie Pinyin, das heute international üblich ist. Und sie ist auch nicht eindeutig einem Dialekt zuzuordnen. Es ist eher ein historisch gewachsener West-Begriff, der sich in bestimmten Ausbildungsrichtungen und Büchern festgesetzt hat aber in China selbst, ungebräuchlich ist.


Dies führt zur Verwirrung und zu zwei Effekten:


Erstens: Viele glauben, Siang Mien sei eine eigene chinesiche Gesichtlese Methode, die es aber in Wahrheit nicht ist. In den allermeisten Fällen ist damit schlicht das Mian Xiang gemeint.


Zweitens: Der Begriff klingt für westliche Ohren „mystischer“ und wird deshalb oft beibehalten, obwohl er in China selbst so kaum verwendet wird.


Kurz gesagt: Wenn jemand im Westen „Siang Mien“ sagt, meint er meistens „Mian Xiang“, ohne es zu wissen.


3. Ist „Siang Mien“ dann falsch?


Ich würde es so sagen: Es ist nicht präzise und erzeugt Verwirrung.

Wenn du es sauber haben willst, nennst du es Mian Xiang. Und wenn du im Kontext mit anderen Menschen „Siang Mien“ verwendest, dann eher so, wie man einen alten Spitznamen erklärt, als verbreitete Bezeichnung im Westen, die sich eingebürgert hat.


4. Warum ist diese Begriffs-Klärung mehr als nur Wortklauberei?


Weil Sprache hier nicht nur Sprache ist, sondern hilft, Dinge richtig einzuordnen.

Wenn wir Begriffe vermischen, vermischen wir oftmals auch automatisch Methoden, Weltbilder und Qualitätsstandards. Und beim Gesichtlesen ist das besonders heikel, weil es schnell in zwei Richtungen kippen kann:

Entweder in „Das ist alles Quatsch“, weil man es als Pseudowissenschaft abtut.


Oder in „Das ist magisch und trifft immer“, weil man es als Wahrsagerei auflädt.


Beides ist aus meiner Sicht aber nicht sauber.


Mian Xiang ist eine jahrtausendealte Kunst. Sie hat Tiefe, Struktur, Beobachtungsschärfe und sie hat aber genauso ihre Grenzen. Wenn wir nicht mal die Begriffe klären, landen wir sehr schnell in einem unscharfen Mischmasch, der weder der Tradition noch einem verantwortungsvollen modernen Umgang gerecht wird.


5. Was macht Mian Xiang inhaltlich aus?


Je nach Schule unterscheiden sich Details, aber ein paar Grundbausteine tauchen immer wieder auf. Da ist zum Beispiel die Idee, dass das Gesicht wie eine Landkarte gelesen werden kann. Viele Systeme arbeiten mit Zonen, Palästen oder Lebensphasen. Häufig findet man die Dreiteilung:


  • Stirn als frühere Lebensphase und geistige Prägung

  • Mittelgesicht als mittlere Lebensphase, Leistung, sozialer Ausdruck

  • Untergesicht als spätere Lebensphase, Erdung, Ernte, Stabilität


Dazu kommen die sogenannten „Five Officers“, also die fünf Schlüsselbereiche, die in vielen Linien und Leserichtungen eine zentrale Rolle spielen: Ohren, Augenbrauen, Augen, Nase, Mund.


Und dann gint es die Fünf-Elemente-Lehre, die im chinesischen Denken sowieso überall als Ordnungsprinzip auftaucht. Es ist ein Deutungsrahmen, der sehr viele Erfahrungen in Symbolik übersetzt.


6. Und wo passt jetzt der Westen rein? Warum reden wir dann überhaupt so oft von Physiognomie?


Weil es im Westen historisch eine ganz eigene Spur gab: Physiognomie und später Psycho-Physiognomik. Das ist wichtig zu trennen.


Die europäische Physiognomie hat andere Wurzeln, andere Klassiker, andere historische Schattenseiten und auch ein anderes Grundziel.


Wenn dich genau dieses Thema mehr interessiert, dann schau gerne mal bei meinem Artikel: "Physiognomie: Bedeutung, Geschichte und Abgrenzung zu Mian Xiang" vorbei.


Im chinesischen Mian Xiang geht es traditionell stärker um eine Mischung aus Charakter, Lebensweg, Glücksqualitäten, Zeitfenstern und teils auch Gesundheit. Das ist ein anderes Weltbild.


In meinen Ausbildungen unterscheide ich deshalb bewusst: Psycho-Physiognomik als europäisches Face Reading und Mian Xiang als chinesisches Gesichtlesen.

Es gibt inhaltliche Überschneidungen, dennoch handelt es sich um zwei unterschiedliche Systeme.


7. Warum wird in westlichen Ausbildungen trotzdem oft alles in einen Topf geworfen?


Das hat weniger mit einem bewussten Vermischen zu tun als mit Geschichte. Viele westliche Ausbildungen sind über Jahre organisch gewachsen. Manche kamen über Bücher, in denen von „Siang Mien“ die Rede war. Andere fanden ihren Zugang über die Physiognomie, wieder andere über Körpersprache, Mimik, Coaching oder Persönlichkeitsmodelle. Diese Wege sind irgendwann zusammengeflossen. Und so entstand ein Sammelbegriff, der heute vieles umfasst: Face Reading.


8. Was ist der beste Umgang mit dieser Verwirrung?


Für mich ergeben sich daraus drei Empfehlungen:

  1. Benutze Mian Xiang als Hauptbegriff, wenn du das chinesische System meinst.

  2. Erwähne Siang Mien gerne als Erklärung oder Einstieg, weil viele danach suchen, und weil es im Westen verbreiteter ist.


9. Ein Satz, der vieles zusammenfasst


Wenn ich es in einem Satz zusammenfassen müsste, dann so: „Siang Mien“ ist nur der westliche Name für das, was in China Mian Xiang heißt.

Und die zweite Ebene ist:

Mian Xiang ist nicht gleich Psycho-Physiognomik.


Wenn du tiefer in das Thema Face Reading einsteigen möchtest


Wenn du tiefer eintauchen möchtest, wie Gesichtlesen jenseits von schnellen Eindrücken funktioniert, gibt dieser Artikel einen guten Überblick über Haltung, Tiefe und Verständnis.


Wenn dich interessiert, woher dieses Wissen kommt und warum Verantwortung schon immer ein zentrales Thema war, findest du hier einen Blick auf die Wurzeln und Entwicklungen des Face Readings.


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Wenn du spüren willst, warum Echtheit nicht erzwungen werden kann und wie innere Stimmigkeit entsteht, lädt dieser Artikel zu einer stillen, persönlichen Reflexion ein.


Wenn du sehen möchtest, wie Menschenkenntnis im pädagogischen Kontext verantwortungsvoll eingesetzt werden kann, zeigt dieser Artikel, wie Face Reading Beziehung und Verständnis vertiefen kann.


Video: Ein Gespräch über Persönlichkeit, Empathie und das, was Gesichter erzählen


In dieser Folge von FlowGrade – For Life spreche ich mit Max Gotzler darüber, was Face Reading heute wirklich leisten kann. Wir gehen die Grundlagen durch – Physiognomie, Mimik, Körpersprache – und besprechen, wie sich Persönlichkeit im Gesicht zeigt, wo die Grenzen liegen und warum Empathie der Kern dieser Arbeit ist.

Zum Abschluss lese ich Max ein paar Facetten seiner Persönlichkeit aus seinem Gesicht – in Form eines kleinen Speed Readings, in einer Live-Analyse.



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Du lernst, wie Merkmale im Gesicht mit Persönlichkeit, Ressourcen und inneren Mustern zusammenhängen – und wie du dieses Wissen für Coaching, Kommunikation oder deine persönliche Entwicklung nutzen kannst.

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FAQ: Siang Mien und Mian Xiang


Was ist der Unterschied zwischen Siang Mien und Mian Xiang?

In der Praxis meistens keiner. „Siang Mien“ ist in vielen westlichen Texten eine unsaubere Umschrift. Der korrekte chinesische Begriff lautet Mian Xiang (面相).


Warum sagen so viele im Westen trotzdem Siang Mien?

Weil der Begriff über Jahre in Büchern, Kursen und Szene-Sprache so benutzt wurde. Er hat sich eingebrannt, auch wenn er in China selbst so kaum verwendet wird.


Ist Mian Xiang dasselbe wie Physiognomie?

Nein. Beide Systeme versuchen zwar, aus sichtbaren Merkmalen etwas über den Menschen zu verstehen, aber sie kommen aus unterschiedlichen Kulturen, haben andere Modelle und andere Ziele. Mian Xiang ist chinesisch-traditionell, Physiognomie ist europäisch geprägt.


Kann ich Siang Mien im Blog trotzdem verwenden, weil Leute danach suchen?

Ja, das kannst du. Ich würde ihn aber immer direkt erklären und danach konsequent Mian Xiang verwenden. So holst du Suchende ab, ohne die Begriffe weiter zu verwässern.


Warum ist diese Unterscheidung überhaupt wichtig?

Weil sonst Methoden, Weltbilder und Aussagen durcheinander geraten. Und dann wird Face Reading schnell entweder zu „magisch“ oder zu „beliebig“. Präzise Begriffe schaffen Vertrauen und Professionalität.


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